Shermer - Endzeittaumel Cover

Endzeittaumel (Vorwort)

Propheten, Prognosen, Propaganda
Skeptisches Jahrbuch II

Herausgegeben von Michael Shermer, Benno Maidhof-Christig und Lee Traynor

Alibri, 1998, 250 S., ISBN 3-922710-11-8. Counter page views.

Vorwort

Das Ende naht.

Die unbeachteten Niedergangspropheten waren über die Ankunft erleichtert, wenn nicht regelrecht erfreut - das Ende der Menschheit war nur noch eine Frage von Monaten. Nun konnten sie verkünden, "Ich habe es Ihnen gesagt". Nun hatten sie Recht. Der Faustsche Pakt, den die Menschheit mit der Technologie geschlossen hatte, wurde unerbittlich erfüllt. Angesichts des bodenlosen Horrors waren ihre Siegesfreude und Genugtuung, die Erfüllung ihrer Vorhersagen zu erfahren, wenig mehr als Fußnoten zu einer bald bedeutungslosen Geschichte.

Es war gekommen, wie sie es vorhergesagt hatten: Die Ressourcen der Erde waren nahezu erschöpft, die Ozonschicht völlig zerstört, der Treibhauseffekt hatte die Polkappen zum Schmelzen gebracht, der Meeresspiegel war angestiegen und dadurch gingen landwirtschaftlich nutzbare Flächen verloren. Die Bevölkerungszahl wuchs weiter und die Erde konnte sie nicht mehr tragen. Alle Technologie, die sonst immer eine Lösung versprochen hatte, war gegen den Angriff der Natur machtlos, auch wenn sie die Menschheit in ihrem Griff hatte. Nun gab es keine Chancen mehr für nachhaltige Technologien, keine Chancen mehr für erneuerbare Energiequellen. Und jetzt fing die Technologie an, sich selbst zu fressen!

Die Technologie war in einem Teufelskreis gefangen, denn sie mußte komplexere Lösungen für die Probleme bereitstellen und diese Lösungen und ihre Folgen ihrerseits beschleunigten nur das Ende. Je höher der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre stieg, desto mehr Erdöl wurde eingesetzt, um die Effekte des gestiegenen Kohlendioxidgehalts zu minimieren. Z.B. jene Küstenländer, die es sich leisten konnten, hatten angefangen, riesige Deiche zu bauen, um ihr Land zu schützen. Aber das bedeutete, daß Baumaterial aus dem Binnenland herantransportiert werden mußte und diese Transporte bedeuteten das Verbrennen von immer mehr Treibstoff. Gerade dann - die Polkappen waren völlig geschmolzen, da konnte der Meeresspiegel nicht mehr ansteigen - waren die Erdölvorräte erschöpft. Die globale Marktwirtschaft, die von unbehindertem Austausch von Gütern und Dienstleistungen abhängig war, taumelte in den Stillstand, binnen kurzer Zeit hatten sich alle bisherigen wirtschaftlichen Trends umgekehrt. Für einen kurzen Zeitraum schien es, als könnten erneuerbare Energiequellen die Versorgungslücke füllen. Dann wurde aber klar, dass für die Energieproduktion zurückbehaltenes Land, die für die Nahrungsproduktion zur Verfügung stehende Fläche schmälerte. Eine billige Energiequelle und große Flächen für Nahrungsproduktion waren beides Voraussetzung für das Existieren und Funktionieren einer globalen Wirtschaft. Mit dem Verschwinden der Energiequellen fiel das Kartenhaus in sich zusammen. Von einer folgenden Hyperinflation zu sprechen wäre Untertreibung. Über Nacht galten die in den mittelalterlichen, von landwirtschaftlichen Flächen umgebenen Stadtstaaten vorherrschenden Bedingungen wieder, nur konzentrierten sich in diesen Stadtstaaten riesige Ansammlungen von Menschen, die sich nicht mehr aus den umliegenden Landstrichen ernähren konnten.

Mit der Bestätigung ihrer Prophezeiungen wurden die Propheten neue Hoffnungsträger und neue Führer traten in Erscheinung. Für den Erfolg in den darauffolgenden Kämpfen um die Verteilung von Gütern zum Überleben war nur nötig, dass man sich selbst in den Mittelpunkt stellte. Das Zeigen von Schwäche wurde restlos ausgebeutet. Nur die wenigen, kompromisslos Gierigen überlebten und auch sie wurden immer weniger und am Ende herrschte Dunkelheit über den menschlichen Geist.

Solche Endzeitszenarien werden immer wieder erzählt und sind in zwei möglichen Varianten in der Tat auch geschehen - die Geschichte des Ökozids auf der Osterinsel, die in diesem Band dargestellt wird, handelt von einem auf einer kleinen, isolierten Insel lebenden Volk, dessen Schlüsselressource von ihm selbst vernichtet wird. Die zweite Variante - das Thema des zweiten Teils der obigen Geschichte - handelt von der Unfähigkeit einer Gesellschaft nach dem Zusammenbruch, die für das Überleben von Gruppen kooperierender Einzelnen notwendige Technologie zu entwickeln. Dies ist zweifellos im Lauf der Evolution Spezies und Gruppen von Lebewesen lokal wie auch global passiert. Der Herr der Fliegen von William Golding ist ein literarisches Beispiel.

Geschichten wie diese werfen eine Reihe von Fragen auf, mit denen wir uns beim Thema "Endzeittaumel" beschäftigen wollen. Wir haben das Thema in zwei Teile gegliedert: wir wollen erstens die wissenschaftliche Kontroverse über die Frage der Zukunft des Menschen auf der Erde darstellen. Wieviele Menschen sind "zuviele"? Werden die Ressourcen der Erde eines Tages "aufgebraucht" sein? Wer kann das sagen? Frank Miele wird uns in die Problematik mit einem Aufsatz einführen, der die Frage untersucht, ob das Boot "Erde" schon jetzt überbevölkert ist. Danach präsentieren wir die Gegner: Auf der einen Seite die Union of Concerned Scientists, eine Organisation namhafter Naturwissenschaftler einschließlich etlicher Nobelpreisträger, die seit Jahren auf die Gefahren einer Überbevölkerung hinweisen. Auf der anderen tritt der Ökonom Julian Simon auf, der überzeugt ist, dass dem Wachstum zum jetzigen Zeitpunkt keine ernsthaften Grenzen gesetzt sind. Hier ist es wichtig zu erkennen, dass weder die noch die andere Seite völlig im Recht liegt. Michael Shermer wird uns dann den Mythos aufklären, dass eine mögliche Lösung sein könnte, zurück zur Lebensweise unserer Ahnen zurückzukehren. Denn sie waren das Gegenteil der Edlen Wilden, als was sie so oft dargestellt werden.

In diese wissenschaftliche Debatte - die von unbequemen Fakten, zerstrittenen Interessen und schweren Entscheidungen gekennzeichnet ist - fließen aber fremde Elemente ein. Unter anderen findet man: Simplizisitische Lösungsansätze, religiöse Anflüge, die Personifizierung der Natur ("die Natur schlägt zurück"), den Vorwurf an den Gegner, er sei moralisch minderwertig, usw. Diese fehlerhaften Argumente zu erkennen, ist nicht leicht, besonders wenn wir davon überzeugt werden sollen, die Umwelt zu retten. Wo "Umweltschutz" drauf steht, ist nicht immer Umweltschutz drin und eine ungünstige Tatsachenlage kann hinter leerer Rhetorik gut versteckt werden. Man kann solche Rhetorik vielleicht in leicht verfremdeter Form besser erkennen. Zu diesem Zweck präsentieren wir einen zweiten Teil über Endzeitgeschichten, die sich zunächst mit dem bekanntesten Propheten aller Zeiten, Nostradamus beschäftigen. Bernd Harder gibt einen Überblick über verfehlte Endzeitprophezeiungen und die vielfältigen Möglichkeiten, aus den Gedichten des Michel de Notredame im Nachhinein "Vorhersagen" herauszulesen. Volker Guiard untersucht die wahrhaftig fantasievollen Methoden des Nostradamus-Deuters Manfred Dimde. John Mosley nimmt den einzigen Vierzeiler, der ein Datum enthält (1999!) unter die Lupe und betrachtet eine Reihe von Himmelserscheinungen des Jahres 2000, von denen gemunkelt wird, dass sie ein verheerendes Erdbeben in Kalifornien auslösen könnten. Gerade aktuell - nicht zuletzt wegen des Kinofilms Deep Impact - wird die Gefahr eines Kometeneinschlags auf die Erde diskutiert und die nüchternen Tatsachen werden von David Morrison dargestellt. Schließlich untersucht Tim Callahan Theorien, dass eine Weltregierung, der Antichrist, die Illuminati, Freimaurer oder Templer aus ihren Verstecken hervorkommen werden, um den Weltuntergang herbeizuführen.

Hier wissenschaftliche Debatte, da Endzeitgeilheit. In unserer Synthese beider Punkte möchten wir folgendes erreichen:

Für einen Moment zurück zum Eklektizismus, da möchten wir klarstellen, dass die Wissenschaft in der Tat mit der Fortschreibung von Daten in die Zukunft arbeitet. Es gibt z.B. wissenschaftliche Schätzungen über den CO2-Gehalt der Atmosphäre oder über den Temperaturanstieg auf der Erde im nächsten Jahrhundert. Aber es ist notwendig zu verstehen, warum diese wissenschaftlichen Rate-Übungen gemacht werden.

Die Wissenschaft und Spielkasinos haben eines gemeinsam: Sie müssen zunächst ihren Wetteinsatz auf den Tisch legen, dann erst werden die Karten verteilt. Das ist im Fall eines Spielkasinos leicht einzusehen. Und der Fall liegt nicht viel anders bei der Wissenschaft. Um die Evolution der Ideen (Jacob Bronowski) zu ermöglichen, müssen wir feststellen können, welche Ideen "gewonnen" haben, d.h. welche Ideen zuverlässigere Vorhersagen über die Zukunft hervorbringen. Schauen wir uns einmal die mittlere Temperatur der Erde als Beispiel an. Was ist das überhaupt, die Temperatur der Erde? Sie können ihr kein Thermometer in den Mund schieben - es gibt auf der Erde Tausende von Thermometern, in unterschiedlichen Höhen im und über dem Boden, im und über dem Wasser, Satelliten messen die Temperatur aus dem Weltall. Wenn Sie nun einfach all diese Werte nehmen, addieren und durch die gesamte Anzahl der Messungen teilen, um den Durchschnitt zu ermitteln, ergäbe der doch wohl die Temperatur der Erde, oder? Nun, Sie hätten dann eine Zahl, aber keine sehr aussagekräftige, sie liefert nur eine ungenaue Vorhersage der Temperaturentwicklung. Der Grund hierfür ist, dass Wasser, Luft und Erde verschiedene Mengen an Wärme speichern können und das auch noch verschieden schnell. Wenn Felsen heiß werden, geben sie ihre Wärme an die Luft ab. Die Luft bewegt sich und verteilt die Wärme. Sie können dieser Tatsache Rechnung tragen, wenn Sie Ihre Werte verschieden gewichten. Hierdurch bekommen Sie ein anderes Ergebnis und Sie können prüfen, welche Methode die besseren Ergebnisse liefert. Vielleicht entdecken Sie bei der Untersuchung von alten Daten, dass sich ein großer Vulkanausbruch auf die mittlere Temperatur auswirkt. Wenn nun ein Vulkan ausbricht, können Sie Ihre Zahlen entsprechend ändern. Sie können so Ihr System (oder Modell) an alle möglichen äußeren Einflüsse anpassen und Sie kommen trotzdem zu dem Ergebnis, dass die mittlere Temperatur von Jahr zu Jahr ansteigt. Auf Grund von Umwelteinflüssen? Wegen den Sonnenflecken vielleicht? Oder weil Ihr Modell in der Tat ungültig ist, und sich die Erde tatsächlich nicht erwärmt? Nur wenn Sie Modelle und Ergebnisse mit anderen Wissenschaftlern teilen, werden Sie es herausfinden.

Die Frage lautet hier: Wie sicher sind wir, dass das Beobachtete etwas Tatsächliches ist? Die einzige befriedigende Antwort besteht darin, unsere Beobachtungen und Modelle in Frage zu stellen, wenn sie Kontraintuitives oder gar Falsches liefern. Skeptizismus - wie Wissenschaft auch - gründet sich auf der Beobachtung oder Nichtbeobachtung gewisser Ereignisse. Im Fall der globalen Erwärmung ist es nicht leicht, sie direkt und unmittelbar zu beobachten und einige Modelle sind derart kompliziert, dass die Wahrscheinlichkeit von Fehlern groß erscheint. Aber es sieht so aus, als hätten wir keine bessere Methode als Versuch und Irrtum. Wir wissen nicht, ob sich die Erde erwärmt und wir wissen nicht, ob und wieviel der Mensch dazu beiträgt.

Angesichts dieser Unsicherheit ist es natürlich verlockend, sich auf emotionale Argumente, Endzeitvisionen bis hin zur moralischen Überheblichkeit zu berufen. Die wissenschaftliche Debatte wird davon überschattet. In der öffentlichen Debatte zählen nicht mehr die Sachargumente, sondern nur, inwieweit ich meinen Gegner als Fiesling darstellen kann. In diesem Licht überrascht die Berufung eines Gottesmannes zum Chef von Greenpeace - leider - nicht mehr.

Auf der anderen Seite kann es nicht das Ziel von Skeptizismus sein, einfach diese Unsicherheit darzulegen, die Hände in den Schoß zu legen und den Fortschritt auf Erden dem Zufall zu überlassen. Es gibt auch gute Argumente, die für eine wachsame Vorsicht sprechen, die sich auf die Beschränktheit unseres Wissens gründet. Jede andere Art von Vorsicht müsste sich auf Offenbarung und Autorität stützen und wäre damit einer unabhängigen Überprüfung nicht zugänglich. Es ist beunruhigend in der öffentlichen Debatte festzustellen, dass der Grad an Sicherheit, den ein Redner offenbar in seinen Vorstellungen über das Schicksal des Planeten besitzt, in umgekehrtem Verhältnis zum von ihm angewandten Skeptizismus steht. Es gibt zuviel Theorie, zuviel "was wäre, wenn". Wir haben dem Phänomen einen Namen gegeben.

Sumsizitpeks

Wissenschaft beruht auf Beobachtung und es gehört zu den verbreitetsten Missverständissen über Wissenschaft, dass sie sich ausschließlich mit Hypothesen, Theorien und Gesetzen und zwar in dieser Reihenfolge beschäftigt (W.F. McComas: Fifteen Myths of Science. In: SKEPTIC, 5 (1997), Heft 2, S. 88-95). McComas macht geltend, dass obwohl wir ein Gesetz über Schwerkraft besitzen, das ungeheuer genau ist, wir keine Theorie haben, warum sich die Schwerkraft so verhalten soll, wie wir sie beobachten. Besteht sie aus Wellen, wie einige Physiker denken? Man könnte argumentieren, dass eine Theorie der Schwerkraft vollkommen überflüssig ist, solange das Gesetz funktioniert. Wer kümmert sich um Mechaniker oder Elektroniker, wenn ihre Autos und Computer einwandfrei funktionieren?

Eine ganze Serie von Beispielen darüber, was Wissenschaft nicht ist, wurde im zweiten Halbjahr 1997 in DIE ZEIT veröffentlicht. In der Rubrik Stimmt's? untersuchte Journalist Christoph Drösser eine Anzahl von urban legends und versuchte herauszufinden, ob sie eine Grundlage in Tatsachen haben.

Dies ist aus zwei Gründen interessant: Die Frage "Stimmt's?" ist eine Frage, die Skeptiker gerne stellen. Zweitens war der Gegenstand seiner Untersuchungen - urban legends - genau das, was einige Skeptiker in letzter Zeit untersucht haben. Urban legends sind das "traditionelle Wissen" moderner Zivilisationen und wie alle Formen traditionellen Wissens ist ihr Ziel nicht in erster Linie das Informieren über tatsächliche Ereignisse. Statt dessen spielen moralische, ästhetische und andere Überlegungen eine vorherrschende Rolle. In der Tat würde die ganze Frage des traditionellen Wissens, und wie es sich von Wissenschaft unterscheidet, den Rahmen dieses Aufsatzes, ja dieses Buches sprengen, so dass wir beschlossen haben, bevor die Welt untergeht, ein weiteres Skeptisches Jahrbuch den Themen Anthropologie, Schamanen, Hexen, magisches Denken und Margaret Mead zu widmen.

Um auf Christoph Drösser und seine Rubrik zurückzukommen, dachten wir, dass er die skeptische Frage in einem gerade vielversprechenden Untersuchungsgebiet stellen wollte. Um so enttäuschter waren wir, als wir die Artikel im einzelnen lasen. Um uns kurz zu fassen, besteht Drössers Methode darin, genau drei "Experten" nach ihren Meinungen zu befragen. Eine direkte Untersuchung der behaupteten Phänomene wurde nicht unternommen. Um fair zu sein, obwohl es leicht klingt, die Behauptung zu testen, dass kochendes Wasser schneller gefriert als Wasser mit Raumtemperatur, wenn beide gleichzeitig ins Gefrierfach gestellt werden, beschäftigt er sich auch mit Phänomenen, die nicht so einfach zu beobachten sind. Sehen wir, wie er abschneidet.

Im vorletzten, in Originallänge veröffentlichten Beitrag (Christoph Drösser: Wer ein alkoholisches Getränk mit einem Strohhalm trinkt, wird schneller betrunken. In: Die Zeit, Nr. 52, 19.Dezember 1997, S. 63) untersuchte er die Frage, ob man schneller betrunken wird, wenn man durch einen Strohhalm trinkt - eine Behauptung, die man sicherlich ohne großen Aufwand untersuchen könnte. Wir schlagen auch vor, einer nüchternen (im weitesten Sinne des Wortes) Testperson morgens eine kleine Menge Alkohol über einen festgelegten Zeitraum zu verabreichen - an einem Morgen mit Strohhalm, am nächsten ohne. Dann bräuchte man einen Mediziner, um über einen Zeitraum von ca. 2 Stunden viertelstündliche Blutproben zu entnehmen und ein Labor, um die Proben auf ihren Alkoholgehalt hin zu untersuchen. Wir sind zuversichtlich, dass man feststellen können wird, mit welcher Methode mehr Alkohol schneller resorbiert wird. Die von Drösser befragten Experten "glaubten", dass man mit Strohhalm schneller betrunken wird und sie konnten ihren "Glauben" begründen, aber nicht mit einer oben dargestellten Untersuchung. Wir werden ihm das aber in diesem Fall nicht nachtragen, weil er selbst zugibt, dass keine Untersuchung stattgefunden hat.

Wenn man Weckgläser schüttelt, werden sie leichter zu öffnen sein (Christoph Drösser: Stimmt's? In. Die Zeit, Nr. 47, 14.November 1997, S. 87)? Theoretisch, ja. Und in der Tat hat Drösser keine Kosten gescheut und drei verschiedenen Experten mit gleich drei verschiedene Theorien zur Hand. Es scheint ihn nicht besonders zu jucken, dass es eher unwahrscheinlich ist, wenn man drei Theorien hat, dass alle drei richtig sein können oder dass alle drei falsch sein können. Es hängt davon ab, ob man die behauptete Erleichterung bei der Öffnung der Gläser beobachten kann. Aber es ist offensichtlich leichter, Experten nach ihren Meinungen zu fragen, als sich Gedanken darüber zu machen, wie man einen Versuch machen könnte. Daher, angesichts der fehlenden Tatsache, bedienen wir uns mit Meinungen.

In einem Artikel über die Legende vom Radioempfang über Amalgamzahnfüllungen stellt Drösser zu Recht fest, dass man eine Filtereinrichtung nahe am Eingang eines Radios benötigt, damit es funktioniert (Christoph Drösser: Stimmt's? In: Die Zeit, Nr. 49, 28.November 1997, S. 91). Da eine solche Einrichtung im Mund meist fehlt, ordnet Drösser diese Geschichte dem Reich der modernen Märchen zu. Zusätzlich bräuchte man für ein funktionierendes Radio eine Art Entzifferungsgerät wie einen Gleichrichter. Hier hat Drösser wieder Recht, wenn er Amalgam der Zahnfüllung als einen schlechten Gleichrichter ansieht. Da wir nun zwei grundlegende Bedingungen für ein funktionierendes Radio nicht erfüllen können, könnte man vielleicht annehmen, dass die Untersuchung einer dritten Bedingung nicht mehr ganz relevant ist. Aber in einem seltenen Anfall von Sumsizitpeks-Overkill präsentiert er uns eine dritte Bedingung (ein Verstärkungsgerät), das an und für sich überflüssig ist. (Diejenigen von uns, die älter sind - d.h. älter als 30, werden sich vielleicht an das Diodenradio erinnern, das keinen Verstärker brauchte. In der Tat war es die aus Unwissen gezeugte Idee, dass Amalgam auf den Zähnen etwa wie ein Diodenradio funktionieren könnte, die diesen Mythos überhaupt hervorbrachte.)

Noch nicht zufrieden damit, etwas aus theoretischen Gründen allein ausgeschlossen zu haben, führt Drösser nun die üblichen drei Experten an. Nur diesmal ist ein gewisser Walter von Lucadou mit von der Partie, der noch nicht durch seine Leistungen im Bereich der Ingenieurwissenschaften aufgefallen ist. Von Lucadou ist eher als Nachfolger von Ernst Bender am Freiburger parapsychologischen Institut bekannt, das nun den Namen Institut für Psychohygiene trägt. Was er nun zu erzählen hat, ist äußerst skurril.

Wenn auch von Lucadou der Meinung ist, dass das Amalgam-Zahn-Radio nicht funktionieren würde, ist er überzeugt, dass man ein funktionierendes Radio durch eine Zusammenstellung von Küchengeräten realisieren könnte. Was versucht von Lucadou damit zu erklären? Wir haben keine Ahnung. Vielleicht ist er auf eine Idee gekommen, wie man bei den Rundfunkgebühren ein Schnäppchen machen könnte. Vielleicht aber auch hat er Besuch von Menschen bekommen, die immer noch Stimmen und Musik gehört haben, obwohl sie schworen, das Radio abgeschaltet zu haben. (In diesem Fall können wir uns mindestens drei Erklärungen vorstellen, die auf jeden Fall wahrscheinlicher erscheinen - immerhin beschäftigt sich sein Institut mit Psychohygiene.)

Klar und deutlich gesagt: Theorien zu entwerfen macht Spaß und es ist eine Tätigkeit, die Wissenschaftler wie Nichtwissenschaftler ausführen. Aber kein vernünftiger Skeptiker würde den Beweis des Vorhandenseins oder des Nichtvorhandenseins eines Phänomens allein auf Grund von Theorien akzeptieren, wenn auch menschliche Beweggründe dafür sprechen. Homöopathie z.B. basiert auf der Annahme, dass homöopathische Mittel auf eine Weise heilen, die der modernen Medizin fremd ist, d.h. sie stellt den Patienten wieder "heil" also "ganz" her, etwas, was eine radikalere Sorte der modernen Medizin auf keinen Fall schaffen könnte; und theoretisch wird die heilende Wirkung von Homöopathika stärker, je verdünnter sie sind. Was für eine wunderschöne Theorie! Mehr davon, bitte! Aber, Moment mal! Nichts verhält sich im entferntesten wie die Homöopathika es sollen, auch nicht die Homöopathika selber. (Wir werden ein künftiges Band des Skeptischen Jahrbuchs auch diesem Thema widmen, möglicherweise erst nach dem Weltuntergang, dafür danken wir Ihnen für Ihr Verständnis.)

Die Rolle von Theorie bei der Beobachtung der Natur so wie das Theoretisieren ohne Beobachtung liegen im Kern dieses Buchs, zu dem wir jetzt zurückkehren. Sie sind jedoch das genaue Gegenteil von Skeptizismus, oder Skeptizismus von hinten aufgezogen, wenn Sie mögen. Hier werden wir unter dem Titel "Hintergründe" eine Reihe von Beiträgen präsentieren, die sich sowohl mit theoretischen wie auch mit praktischen Aspekten beschäftigen. Axel Becker hat das Aufkommen von Verschwörungstheorien im Internet über den Tod von Lady Di beobachtet und berichtet über die relative Unabhängigkeit von Verschwörungstheorien und Fakten.

Wäre ein scharfes Bild des Loch-Ness-Monsters ein guter Beweis für seine Existenz? Tom Napier meint, dass man ein gutes Bild ohne Weiteres mit gängiger Computertechnik fälschen könnte. Allerdings sollte Nessie einmal müssen, dann könnte man das Ergebnis auf DNS untersuchen und ihre Verwandschaft mit den restlichen Lebewesen der Erde feststellen.

Ist Geschichte Fakt oder Interpretation? Kann sie eine Wissenschaft sein, wie die Biologie? Michael Shermer wird diese Fragen im Licht der Geschichte des Fachs Geschichte untersuchen. Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass wissenschaftliche Kriterien für die Gültigkeit der dabei gezogenen Schlussfolgerungen erforderlich sind, wenn der Anspruch erhoben wird, etwas über die Vergangenheit zu wissen. Man kann nicht gleichzeitig behaupten, die gesamte Geschichte sei relativ und dass eine bestimmte Interpretation vorzuziehen sei.

Nicht nur in diesen Tagen und nicht nur auf Grund eines bevorstehenden Weltuntergangs sind in der Vergangenheit Panikepidemien ausgebrochen. Robert Bartholomew wird sie untersuchen und dabei versuchen, sie zu analysieren und klassifizieren. Am Ende dieses Abschnitts geht Theodor Schick der Frage nach, ob das wissenschaftliche Weltbild ausgedient hat, wie Wissenschaftsphilosophen und New Ager meinen.

Für den Schluss des Buchs haben wir zwei kürzere Beiträge aufgehoben, die eine andere Seite des Skeptizimus zeigen. Irren ist menschlich. Und wie!

Michael Shermer
Benno Maidhof-Christig
Lee Traynor

Danke für Ihr Interesse!